Protest! Das Kali muss raus!

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Kanusportler demonstrieren gegen Werra-Versalzung

Hörschel/Gerstungen. „In Gerstungen gibt es einen Bürgermeister, der macht dort die Leute verrückt“, so erzählte ein leitender Angestellter des Kasseler Düngemittelunternehmen K+S der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Katrin Göring-Eckert, die eine Antwort darauf haben wollte, was da wirklich passiert.

Was der sicher sehr einflussreiche Herr vergaß: Es gibt ganz in der Nähe von Gerstungen ein paar sehr engagierte Paddler im Kanu-Club Rennsteig in Hörschel. Die sind mindestens ebenso unbequem wie der Bürgermeister und luden ein zu einer Protest-Kundgebung, die am 1. Mai große Beachtung in den Medien fand. Trotz aller Aktionen, die üblicherweise am Tag der Arbeit stattfinden, war der Nachrichtenblock über die Werra-Demo im MDR-Radio der größte, und sogar die ARD-Tagesschau berichtete in Wort und Bild. Klar, wenn die Hauptrednerin die Bundestags-Vizepräsidentin ist. Aber sie war nur eine unter etwa 400 Demonstranten, die für ein ganz bestimmtes Anliegen standen: Die Kalilauge muss raus!

Voller Überzeugung

Wenn so viele hochrangige aktive und ehemalige Funktionäre bei einem Kanutreffen sind und sich auch noch aktiv an einer Protestaktion beteiligen ... Was zeugt mehr von persönlichem Einsatz und davon, dass sie voller Überzeugung hinter dem stehen, was sie in all den Jahren ihres Ehrenamtes gesagt und getan haben?

Die Demonstration in Gerstungen an der Werra war ein Stell-dich-ein prominenter Persönlichkeiten: Hermann Thiebes, DKV-Vizepräsident Freizeit- und Kanuwandersport (Zitat: „Das hier ist das Mindeste, was ich in meinem Amt tun kann“), dessen Vorgänger Dr. Karl-Albrecht Kumm, Volker Reichl (Präsident des Thüringischen Kanu-Verbandes), Stephan Grunewald (ehemaliger Vizepräsident Freizeit- und Kanuwandersport im Hessischen Kanu-Verband), Sigrid Straub (Vizepräsidentin

Finanzen im Bayerischen Kanu-Verband), Brigitte Schäfer (frühere Vizepräsidentin Organisation im Bayerischen Kanu-Verband) und Manfred Schäfer (ehemaliger Vizepräsident Leistungssport im Bayerischen Kanu-Verband).

 

 

 

 

Zugpferd Göring-Eckert

Weit über 100 Kanusportler aus neun Landes-Kanuverbänden zwischen Hamburg und Donauwörth waren dem Aufruf des Kanu-Clubs Rennsteig gefolgt und nach Thüringen gekommen. Für alle war es selbstverständlich, sich mit deren „Machern“ Rainer Strunze und Vereinsvorsitzendem Gerhard Liebau solidarisch zu zeigen und sich zum Anlass der Demonstration zu bekennen: für eine lebensfähige, lebensspendende, gesunde Werra - gegen die bisherigen und weiteren Einleitungen von Kalilauge. Sie setzten sich damit entschieden für eine gesunde Umwelt insgesamt ein, denn das Salz ist dabei, eine ganze Landschaft folgenschwer zu verändern, ja zu töten.

Das „Zugpferd“ von politischer Seite, die Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckert (Bündnis 90/Die Grünen) war sehr schnell zu ihrem Auftritt in Gerstungen bereit, erzählte Rainer Strunze, Wanderwart des KC Hörschel. Er war bei seinen Recherchen auf eine Anfrage von Katrin Göring-Eckert gestoßen, die wissen wollte, was die Bundesregierung gegen die

massiven Salzeinleitungen des Unternehmens K+S zu tun gedenke und hatte Kontakt mit ihr aufgenommen.

 

Artensterben bei Flora und Fauna

Jetzt stand sie in Gerstungen am Mikrofon und stellte sich entschieden gegen den Umweltskandal und seine Auswirkungen. Sie bezeichnete die Geschehnisse durch K+S als „einen der größten Umweltskandale“ und forderte den Thüringer Ministerpräsidenten Dieter Althaus zu einem Bad in der Werra auf, aus dem er dann als Salzhering herauskäme. Denn der ließe sich durch die Drohung von K+S mit dem Abbau von Arbeitsplätzen (11.000 Beschäftigte, 2,8 Milliarden Jahresumsatz) erpressen.

Der Hintergrund: Das Kasseler Düngemittelunternehmen K+S leitet seit fast 100 Jahren Abwässer aus dem Kali-Bergbau an der Werra in den Fluss ein. Salzlauge wird ins Erdreich verpresst und bedroht inzwischen Grundwasser und Landwirtschaft. 500 qkm Boden sind bereits durch Versenkrückläufe verseucht. Ein Artensterben bei Flora und Fauna ist die Folge, denn mit diesem hohen Chloridgehalt kommen nur noch wenige Arten in der Tier- und Pflanzenwelt klar.

Schlechteste Gewässerkategorie 

Doch damit nicht genug: Seit dem 11. April 2008 darf K+S keine Salzlauge mehr in die Gesteinsspeicher am Werk Neuhof bei Fulda einleiten, weil die Versenkräume erschöpft sind. Seither transportieren bis zu 100 Lkws pro Tag die chloridhaltigen Abwässer in die Werra. Der Fluss wird durch Direkteinleitung und Versenkrücklauf jährlich durch rund 10 Millionen Kubikmeter gesättigte Lauge belastet! Mit der Einleitung der Haldenabwässer von Neuhof/Ellers werden pro Stunde mindestens fünf Tanklaster zusätzlich in den Fluss gekippt.

Bereits jetzt gilt die Werra mit der Einstufung in die Gewässergüteklasse II bis III als kritisch belastet, nach europäischem Recht der Wasserrahmenrichtlinie ist sie sogar in die schlechteste Gewässerkategorie V einzustufen. Doch verantwortliche Politiker berufen sich auf Grenzwerte aus dem Jahr 1942 mit einem Höchstwert von 2500 mg Chlorid pro Liter.

 

Chloridgehalt selbst in der Mittelweser

Bis zum Jahr 2012 ist dieser Wert genehmigt. Nach der Wende wurde die Werra für 75 Millionen Euro entsalzt. „Als gebürtiger Gerstungen und Werra-Anlieger habe ich im Jahr 1962 oder 1963 das einzige und letzte Mal eine zugefrorene Werra erleben dürfen“, klagte Bürgermeister Werner Hartung. Jetzt liegt der Chloridgehalt selbst in der Mittelweser zwischen 250 und 400 mg. Am Pegel Porta wurden am 5. März 371 mg gemessen – bei Hochwasserverdünnung!

Statt den Produktionsabfall untertage in den Abbauhohlräumen nachhaltig zu entsorgen, werden alte Gruben gewinnbringend vermarktet: als Giftmülldeponie! Deren weltweit größte entstand unweit der Werra in Herfa/Neurode

 

Kalilauge muss raus!

Bereits im Oktober 2007 hat der Deutsche Kanu-Verband durch seinen Vizepräsidenten Hermann Thiebes fast 11.000 Unterschriften gegen die Versalzung der Werra an die Bundesinitiative „Rettet die Werra“ übergeben. Auch jetzt unterstützte Thiebes – und mit ihm der gesamte Deutsche Kanu-Verband – die Kundgebung durch seine Anwesenheit und in seinem Redebeitrag.

1.000 Luftballons mit der Aufschrift „Kalilauge muss raus!“ schwammen zum Schluss der Kundgebung gemeinsam mit rund 120 Booten auf der laugenbelasteten Werra Richtung Weser – mit dem Ziel, ein Zeichen für eine gesündere Umwelt zu setzen und ein Umdenken bei K+S und den Regierungsverantwortlichen zuwege zu bringen.

Pipeline-Bau

Bisherige Protestkundgebungen haben bereits die Einrichtung eines runden Tisches erreicht – an dem allerdings wichtige Institutionen wie die Bürgerinitiative „Rettet die Werra“ und der Kanusport noch fehlen (dafür sitzen dort u. a. Vertreter des Tourismusverbands). Doch die neuesten Planungen, eine 63 km lange Pipeline zum bequemeren Transport der Salzlauge bis in die Werra zu bauen, veranlassten die deutschen Kanusportler auf Initiative des Kanu-Clubs Rennsteig zu einer erneuten Demonstration mit Protestfahrt auf der Werra. Zahlreiche Umweltvertreter unterstützten die Aktion, die Freiwillige Feuerwehr stellte dafür ihr Grundstück zur Verfügung. Es reicht jetzt allen!

Denn statt der bis zu 100 Lkws, die täglich ihre salzige Fracht in die Werra kippen, könnte umweltschonender ein Güterzug zur Nordsee geschickt werden. Eine weitere Alternative wäre die Vernebelung ähnlich der Saline in Bad Dürrenberg – mit gleichzeitigem Kurbetrieb und Salzgewinnung. Aber das kostet wohl mehr Mühe und Initiative als der Bau einer Pipeline. Wer zählt schon die Fische in der Werra? Wer interessiert sich schon dafür, dass der Eisvogel zwar bis Gerstungen weit verbreitet ist, dann aber nicht mehr vorkommt?

 

Salzwüste

Enttäuscht von der Hessischen Landesregierung äußerte sich Stephan Grunewald: „Sechs Jahre lang hat der Hessische Kanu-Verband sich mit dem Regierungspräsidium Kassel wegen Befahrungsregelungen auf den Gewässern auseinandergesetzt. Immer wieder wurden wir damit getröstet, dass wir doch auf Großschifffahrtsstraßen und auf die Werra ausweichen könnten!“ Das gleiche Regierungspräsidium lässt jetzt die Kalilauge in die Werra einleiten ...

Nach wie vor gilt: Der Grenzwert von 2.500 Milligramm Salz pro Liter Wasser am Pegel Gerstungen darf nicht überschritten werden. Bis zum Jahr 2012 ist dieser Wert genehmigt. Wenn bis dahin das Land endgültig in eine Salzwüste verwandelt ist, könnte man ja an ein Zukunftsszenario denken, auf das bisher (außer der Autorin dieses Artikels) noch niemand gekommen ist:

Dann könnte man die salzhaltige Werra zu einem deutschen „Toten Meer“ anstauen und ein großes Kurzentrum bauen, an dem z. B. Krankheiten wie Neurodermitis erfolgreich behandelt werden können. Dann bräuchte niemand mehr die lange Reise ans Rote Meer auf sich zu nehmen. Die Arbeitsplätze aus der versiegten Landwirtschaft könnte man in Dienstleistungen am Patienten umverlagern, und die Pipeline vom „Monte Kali“ bei Fulda zum Transport von sauberem Trinkwasser nutzen. Fehlt noch die Wärme und Sonne aus der Wüste Sinai. Aber da wird sicher schon dran gearbeitet. Denn wozu sonst sitzt der Vertreter des Tourismusverbands am runden Tisch bei K+S?

lks. Ehrung Rainer Strunze durch Volker Reichl Präsident des Thüringer Kanu-Verbandes

Gerhard Liebau 1. Vorsitzender KC-Rennsteig

DKV Vizepräsident

Hermann Thiebes

KA Kumm, Hermann Tiebes

Bundestags Vizepräsidentin Katrin Goering Eckert

Rainer Strunze

Sabine Roth

1.000 Luftballons und ca. 150 Paddler trugen die Botschaft „Kalisalz muss raus“ auf die Werra hinaus.

 

 

 

 

Bericht von Uschi Zimmermann