Kanu-Club Rennsteig e.V.  Hörschel / Werra









 

David gegen Goliath
Kundgebung gegen Werra-Versalzung
Gerstungen. Für die Paddler geht es um einen Fluss, der vom Salzgehalt bereits mit der Nordsee konkurriert. Für die Anwohner geht es mittlerweile fast um die nackte Existenz. Werner Hartung, Bürgermeister von Gerstungen, fürchtet, aufgrund der fortschreitenden Versalzung des Grundwassers bald die ersten Brunnen schließen zu müssen. Die Trinkwasserversorgung ist in Gefahr!
278 t Salz – das entspricht der Ladung von vier Eisenbahnwaggons – transportiert die Werra im Auftrag der K + S Kali GmbH binnen einer Stunde! Und das mit staatlicher Genehmigung – ohne Rücksicht auf die Natur!!! Das muss endlich ein Ende haben, forderten über 400 Demonstranten am Tag der Arbeit bei einer groß angelegten Kundgebung gegen die Einleitung von Abwässern der K + S in die Werra.
Druck muss her!
 Niemand wollte die Arbeitsplätze gefährden, aber eine vernünftige Lösung muss gefunden werden! „Es geht!“,  forderte erklärte Tino Kummer von Die Linke: „Aber der politische Druck muss her!“ Das Einleiten der Abwässer in die Werra muss gestoppt werden! Es müssen Lösungen gefunden und realisiert werden, die Salzeinträge durch Ausspülungen der Abraumhalden verhindern! Und „die Verpressung der Salzlauge in den Untergrund darf nicht erst beendet werden, wenn die Kapazitäten erschöpft sind!“, wie DKV-Vizepräsident Hermann Thiebes forderte.
Es war die 5. Kundgebung, und der Stachel scheint mittlerweile im Fleisch zu sitzen. Denn zum allerersten Mal verteilten Mitarbeiter von K + S Handzettel mit Gegendarstellungen vor dem Gerstunger Feuerwehrhaus, in dem die Veranstaltung stattfand. Aber es ist nun einmal Fakt: Die Hälfte der flüssigen Salzabfälle aus der Kali-Produktion von K + S wird in die Werra eingeleitet, die andere Hälfte wird in den Untergrund verpresst.
Die Zeitbombe tickt
Der Ingenieur Dr. Walter Hölzel demonstrierte anhand eines Modells, wie die scheinbar sichere Endlagerung der verpressten Abwässer in die Erde zur Zeitbombe wird, die schon längst nicht mehr nur tickt, sondern zur folgenschweren Explosion geworden ist:
Konzentrierte Abwässer werden in das Plattendolomit in 500 Metern Tiefe verpresst – doch hier gibt es Bruchstellen, durch die die Abwässer in den Grundsandstein eindringen, in dem sich auch das Trinkwasser befindet. Und es gibt Störstellen, über die so viel Salz in die Werra gelangt, dass bei Niedrigwasser der genehmigte Wert erreicht wird.
Solidarität
Dr. Matthias Miersch, (unten) MdB, der umweltpolitische Sprecher der SPD, stellte sich hinter Anrainern und Paddler. „Was wir hier erleben, geht um die Frage: Was hinterlassen wir nachfolgenden Generationen?“ Er glaube, wenn man wolle, könne man eine Lösung finden. Aber im Moment herrsche völlige Intransparenz. Miersch forderte vehement die Beteiligung der Öffentlichkeit und ein neues Bergrecht, nach dem die Genehmigungen erteilt werden.
In ihrer couragierten Rede setzte Anja Sigismund, (unten) MdL, die Fraktionsvorsitzende von B90/Die Grünen im Thüringer Landtag, ein deutliches Signal: Das Taktieren von K + S erzeuge Frust, vor allem, weil alle kritischen Fragen an K + S abtropften. „Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geborgt“, zitierte sie. Zum wiederholten Male hat die hessische Regierung in Kassel die Genehmigung für das Verpressen dieser Mengen erteilt. “Die Kanuten zeigen, dass sie die Umweltverschmutzung nicht weiter hinnehmen“, betonte sie und paddelte zum Zeichen ihrer Solidarität mit ihrer Familie mit der großen Schar der etwa 90 Boote die Werra hinunter nach Hörschel.
Pipeline in die Nordsee
Sie sei aus Hessen, „wo die Brühe herstammt“, schämte sich die Landtagsabgeordnete Sigrid Erfurth (links) und Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen im Landkreis Werra-Meißner. Diese Demonstration zeige, dass man was für die Umwelt und für seine Kinder tun wolle. Arbeitsplätze seien bei K + S nicht in Gefahr, wenn das Unternehmen eine vernünftige Entsorgung in die Wege leiten würde.
Ein erster Schritt solle noch im ersten Halbjahr 2012 gemacht werden, wusste Hermann Thiebes, Vizepräsident Freizeitsport im Deutschen Kanu-Verband (DKV). Denn K + S will einen Antrag auf den Bau von Pipelines in die Nordsee stellen. Es gelte aber zu prüfen, ob damit das Problem nicht nur verlagert würde.
Klein, aber stark!
Der DKV unterstütze die Umsetzung der Europäischen Wasserrahmen-Richtlinie und leiste so seinen Beitrag, um so schnell wie möglich den von der Richtlinie geforderten guten Zustand der Gewässer zu erreichen. Vielfach würden der Verband und seine Mitglieder im Interesse der Natur auch Einschränkungen akzeptieren, zog Thiebes (unten) den Vergleich mit der örtlichen Situation. Die Gewässerqualität jedoch, die man eher an der deutschen Nordseeküste als an der Werra vermuten würde, könne der DKV nicht akzeptieren!
Er hoffte, dass man sich irgendwann am 1. Mai an gleicher Stelle treffen und dann feiern könne, dass Werra und Weser von ihrer „schrecklichen Salzfracht befreit“ sind. Der DKV sei zwar nur eine kleine Gruppe, aber viele kleine Gruppen seien stark. „Und nicht erst einmal musste ein Goliath erkennen, dass ihn ein David besiegt hat!“ Wobei hier statt „besiegen“ besser von „überzeugen“ die Rede sein müsste, revidierte er sich selbst.
Von Bremen bis München
Der DKV-Vizepräsident bezog sich in seiner Ansprache auf die Unterstützung der Paddler aus ganz Deutschland. Von Bremen bis aus München waren sie gekommen, um für „Das Salz muss raus aus der Werra“ einzustehen, wie auf den Plakaten und Aufklebern zu lesen war. Darunter auch Persönlichkeiten wie Albert Emmerich, Präsident des Kanu-Verbandes Niedersachsen, Norbert Köhler (Präsident des Bremer Kanu-Verbandes) und Stefan Grunewald (Umweltreferent im Hessischen Kanu-Verband).
Über 90 Kajaks paddelten im Anschluss an die Kundgebung die Werra hinunter nach Hörschel, wo sie auf dem Gelände des Kanu-Clubs Rennsteig noch lange miteinander diskutierten. Sie alle sind „Davids“ – und sie schöpfen Hoffnung, dass sie mit ihrem Einsatz ein kleines Steinchen ins Rollen gebracht haben, das eines Tages zu einer Lawine mutieren könnte.
 
Fotos unten:
Klaus Reinhardt, der Vorsitzende der Bürgerinitiative „Für ein lebenswertes Werratal“, hatte ein Kanu mit Mahnplakaten ausgestattet, das wie ein Staffelstab von Verein zu Verein die Weser weitergefahren werden soll, um die Menschen auf die Versalzung aufmerksam zu machen.













Uschi Zimmermann 02.05.2012


Kontaktformular